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ein Blog übers Gründen und Zweifeln.

Teil 1: Von Gründen und Abgründen

Es ist Anfang 2016 und ich sitze im Regen auf einem Fahrrad um für 8,50 Euro die Stunde Briefe einzusammeln. Meine Schicht geht drei Stunden und da ich dieses mal beim Fahren durch die Fußgängerzone von der Polizei angehalten werden, habe ich knapp 10 Euro verdient, als ich erschöpft und nass zuhause ankomme.

Ich habe vor kurzem meinen Studiengang nach dem vierten Semester gewechselt und bekomme deshalb kein Bafög mehr, ein Job neben dem Studium ist essentiell. Aber oh boy, this? Scheiß auf den Regen und die Cops. Könnte man alles weglächeln, wenn ich wenigstens mit dem Gefühl vom Rad steigen würde, etwas geleistet zu haben. Aber ich bin austauschbarer Minijobber Schrägstrich Idiot, und wenn ich verschwitzt in meiner roten Clownsmontur in die Büros stolpere um die Taschen mit den Briefen abzuholen, gibt es nicht wenige Menschen, die mich das auch spüren lassen wollen.

Ich lerne also:

a) größten Respekt vor allen Menschen, die sich über Jahre in schlecht bezahlten Jobs herumschubsen lassen müssen und dabei niemals grob ausfällig werden.

b) dass ich schnell einen neuen Job brauche, bevor ich irgendwem gegenüber grob ausfällig werde.

Ich setze mich an den Schreibtisch und überlege mir, was ich gut kann. Ich entscheide mich, dass ein paar meiner Aquarelle mittlerweile gut genug sind sie auf Shirts zu drucken. Wie schwer kann das schon sein, damit Geld zu verdienen?

Ich habe Glück, ein Freund hat Zeit und Lust auf fancy Start Up Kram und ein paar Wochen später gewinnen wir mit feinwasser - postcapitalist clothing 1000 Euro bei einem Gründerwettbewerb. Dope.

feinwasser Pitch
So gut sah ich damals beim pitchen (Start Up-Deutsch für einen Vortrag halten) aus. War aber ein späterer Wettbewerb, ich scheitere an der Organisation meiner Fotos. Da haben wir keine 1000 Euro sondern ein Macbook gewonnen. Wir waren jung und brauchten die Gigahertz.

Wir beschäftigen uns mit fairen Lieferketten, Alternativen zu klassischen Hierarchien und all dem was heute grob unter den Schlagwörten “Reinventing Organizations, New Work, Holacracy etc etc” in den Diskurs geworfen wird. Das Ziel ist ein von Grund auf ehtisches, transparentes und demokratisches Unternehmen in einem System zu etablieren, das ganz offensichtlich nicht für diese Ideen gemacht wurde.

Es scheint erst einmal alles nach Plan zu laufen: Unsere Crowdfundingkampagne bringt Ende 2017 über 20.000 Euro ein, wir haben Shirts deren Herkunft wir bis zum Baumwollfeld verfolgen können und ich muss mich nicht mehr für den Mindestlohn auf Dortmunds Straßen anhupen lassen. Lovely.

6 Monate später befinde ich mich in meinen bisher tiefsten Abgrund. Als aus ständigen Suizidgedanken erste Affekthandlungen werden ziehe ich die Reißleine und fahre Richtung Süden. Ich strande bei alten Hippies in Frankreich und bleibe erst einmal. Die Monate im Wald helfen Abstand zu gewinnen und als ich viel später endlich einen Therapieplatz finde, bin ich immerhin aus dem Gröbsten raus. Mein Therapeut und ich halten fest:

a) “Alle anderen Projekte auf Eis legen, um sich ganz auf feinwasser zu konzentrieren” war zwar ein schöner Gedanke, aber eine schlechte Idee. Wenn dein Mitgründer plötzlich Familie hat, besteht die Realität bei feinwasser daraus, dass du dich jeden Tag alleine motivieren musst, dich alleine vor den Rechner zu setzen um den Leuten online zu sagen, sie sollen Shirts kaufen. Nicht dein Ding.

b) Junge, du bist anfällig für Depressionen. Gib gefälligst auf dich acht.

Das war gegen Ende 2018. Seitdem gebe ich acht, aber hallo. Self-care to the heart. Priorität Nr.1 : Psychische Gesundheit.

Warum erzähle ich euch das?

Ich möchte, dass ihr Folgendes wisst:

Das Projekt, mit dessen Gründung ich gerade beschäftigt bin, gründe ich nicht, weil ich es so geil finde, euch nochmal Shirts und Pullis zu verkaufen. Wenn es nach mir ginge habt ihr alle bereits genug Klamotten im Schrank.

Ich gründe es auch nicht, weil ich Geld brauche. Ich hab Ende 2019 über 10.000 Euro in zwei Monaten mit freiberuflichen Arbeiten verdient. An Prints of the People sitze ich jetzt seit 5 Monaten Vollzeit und werde mir für diese Zeit im Leben nicht nachträglich einen vernünftigen Stundenlohn auszahlen.

Ich möchte auch die meisten Arbeiten, die in Zusammenhang mit dem Projekt anfallen nicht ewig machen. Ich habe durch meinen depressiven Einbruch und die Aufbauzeit danach einiges über mich gelernt und erkannt, welche Art von Arbeit mich glücklich macht. Vieles von dem, was ich gerade für Prints of the People mache, gehört nicht zu dieser Art Arbeit.

Was bleibt also an Motivation?

Es bleibt eine geballte Portion Wut auf den Status Quo. Enttäuschung über die Kleingeistigkeit selbst im Angesicht eines planetaren Kollaps. Fassungslosigkeit über die Unfähigkeit, sich ein anderes System als das jetzige auch nur vorstellen zu wollen. Es bleiben Trotz und zwei gestreckte Mittelfinger an all die selbsternannten Freunde der Realität.

All ihr Menschen, die ich in den letzten Jahren in der sogenannten Start Up Szene kennengelernt habe: Ich bin so maßlos enttäuscht von dem, was ihr mir als Visionen verkaufen wollt.

Ich bin so endlos müde von all den Gesprächen, in denen ihr mich lobt wie einen kleinen Jungen, da Nachhaltigkeit ja ein Zukunftsthema und ein Wachstumsmarkt ist und ich da ja Marketingtechnisch am Zahn der Zeit bin.

Ich habe keine Lust mehr auf alte weiße Männer, die das Ruhrgebiet zum neuen Silicon Valley machen wollen. Wirklich? Ihr wollt zehntausend Obdachlose und Firmen so mächtig, dass sie wie selbstverständlich jede demokratische Willensbildung und Gesetzgebung torpedieren? Ihr glaubt, dass technologischer Fortschritt nur möglich ist, wenn Privatpersonen die Möglichkeit haben, mehr Geld aus der Gesellschaft zu pressen als sie in hundert Lebzeiten ausgeben können? Ihr glaubt, dass das der Weg in die Zukunft ist? Und ihr haltet mich für naiv? Ihr widert mich an.

Ich möchte kein Teil dieser Kultur sein. Und ich möchte Prints of the People auch nicht gründen, weil mein Zukunftstraum ist, dass ich in ein paar Jahren mit euch am Tisch sitze, mich als erfolgreicher Gründer fühle und euch erzähle wie wir unser Produkt am Markt platziert haben.

Ich möchte Prints of the People gründen, einfach weil die Idee so verdammt simpel und logisch ist, dass ich wütend werde bei dem Gedanken, dass Leute sie als Spielerei abtun. Ich will Prints of the People gründen um allen zu zeigen: Schaut her. Es ist möglich, es macht Sinn und ihr habt Unrecht.

Unternehmen müssen sich nicht den Gesetzen des Marktes unterwerfen, wenn der Markt gerade dabei ist unser aller Lebensgrundlage zu zerstören. Wir als Gesellschaft haben die Macht zu entscheiden: Dies ist eine Dienstleistung, nach der offensichtlich eine Nachfrage existiert. Lasst uns eine Möglichkeit schaffen, wie diese Dienstleistung angeboten werden kann, ohne, dass jemand dafür versklavt werden muss. Ohne, dass wir den kläglichen Rest Natur verlieren, den wir noch haben. Das ist das erklärte Ziel des Projekts. Nicht der Profit oder ein Shareholder Value. Und um zu gewährleisten, dass dieses Ziel nicht aus den Augen verloren wird, bauen wir von Anfang an eine demokratische Organisationsstruktur mit Checks and Balances auf. As simple as that.

Was ist daran nicht zu verstehen?

So, hier endet der wütende Teil dieses Textes.

Da ich gestartet habe mit meiner persönlichen Geschichte und wie sie mich zum heutigen Tage gebracht hat, beende ich das ganze mit einem persönlichen und vor allem versöhnlichen Ausblick vom Jetzt in die Zukunft.

Ich sehe mich in 5 Jahren kein Start Up leiten. Ich sehe mich in 5 Jahren weiterhin viel malen, schreiben, reisen und reden. Alles Dinge, die ich in meinem Tempo machen kann und für die ich niemandem Rechenschaft schuldig bin.

Aber ich weiß, dass ich dabei deutlich glücklicher wäre, wenn ich dabei zwischendurch sagen kann:

“… und dann haben wir damals Prints of the People gegründet. Das gibt es jetzt immer noch, google mal. Die wählen jedes Jahr einen neuen Vorstand, alle Zahlen und Gehälter sind transparent und der Erfolg wird an der Qualität gemessen und daran, wie fair alle Beteiligten entlang der gesamten Lieferkette behandelt werden. Außerdem ist das ganze Projekt organisch gewachsen und gibt kein Geld für Facebook-Ads oder Ähnliches aus. Es hat zwar etwas gedauert, das alles aufzubauen, aber die Menschen sind nun einmal nicht so geizig oder konsumgeil wie man denkt. Sie wissen ein gutes Projekt zu schätzen und empfehlen es weiter. Und wenn du mir jetzt nochmal anfängst zu erzählen, warum es völlig normal ist, dass Unternehmen ihre Kleidung von Lohnsklavinnen in 14 Stunden-Schichten nähen lassen und dass das den Ländern ja auch in ihrer Entwicklung hilft, kippe ich dir mein Bier ins Gesicht.”

So oder zumindest so ähnlich stelle ich mir die Zukunft vor.

Falls du mich auf dem Weg in ein Leben unterstützen magst, in dem ich so einen Satz sagen kann, darf ich mich sehr glücklich schätzen.

Fürs Erste reicht es mir, dass du diesen Text anscheinend bis hierhin gelesen hast. Es war mir ein Anliegen, dass alles mal loszuwerden und wenn es dir gefallen hat: Noch besser.

Ansonsten vertraue ich einfach darauf, dass du es mir nicht übel nimmst, wenn ich demnächst deine Timeline überschwemme mit: “Mashallah! neues Projekt, alles geil, kauft Shirts!”

Falls du dann klugerweise anmerkst, dass du schon genug Klamotten besitzt, schreib mich einfach an und wir finden eine Möglichkeit, wie du Prints of the People trotzdem helfen kannst, das Licht dieser Welt zu erblicken.

Bis dahin: viel Liebe.

Lukas